Geschichtsschreibung – wie funktioniert das?

GRUNDLAGENAUFSATZ
Geschichtsschreibung – wie funktioniert das?

Auf der Suche nach der Wahrheit über die Geschichte des zweiten Weltkrieges
wurden eine Menge Bücher gelesen, so genannte Sekundärliteratur. In jedem dieser
Bücher wurde in Form von Anmerkungen – entweder auf der gleichen Seite unten
oder aufgelistet im hinteren Teil des Buches – auf Quellenmaterial verwiesen,
welches der jeweilige Buchautor als Grundlage für seine Ansichten, Auflistungen oder
Zitate verwendet hatte. Da kamen zum Teil wirklich imposante Quellenauflistungen
zustande. Nur – wenn man sich durch solche Bücher mitsamt den Anmerkungen –
die einen jedes Mal aus dem Textfluss herausreißen – hindurchgearbeitet hat, ist
man in der Regel leider nicht viel klüger als zuvor, hatte doch den Autoren immer
irgendwie die klare Linie gefehlt. Es schälten sich jedoch zwei Grundpositionen
heraus.

Die offiziell etablierten Historiker beschuldigen Hitler, das Deutsche Reich und das
deutsche Volk (welches Hitler schließlich gewählt und unterstützt hat) der
Entfesselung eines Weltkrieges, wobei die Motive zumeist auf den Wunsch eines
vermutlich größenwahnsinnigen Diktators nach Weltherrschaft hinauslaufen. Dieses
Geschichtsbild bekommen Generationen von nachgeborenen Deutschen seit
Jahrzehnten in den Schulen und allen Medien vermittelt.

Die so genannten Revisionisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, zumindest unser
Volk, oft auch seine damalige Führung, von diesen Vorwürfen zu befreien. Dies ist
eine undankbare Aufgabe, da sie sich in einer Verteidigungsposition befinden und
selbst von den zu befreienden Volksangehörigen heftigste attackiert werden. Auch ist
es nach dem Krieg alliiertengesetzlich verboten worden (das gilt bis zum heutigen
Tag), die Verbrechen der Sieger aufzulisten und anzuprangern. Die Bücher der
Revisionisten sind ständig vom Verbot und die Autoren mit Strafen bedroht, was
einer Bücherverbrennung durchaus gleichzusetzen ist. Hier auf den
Grundgesetzartikel Nr. 5 (1) hinzuweisen, gemäß dem eine Zensur nicht stattfindet,
ist müßig.

So kommt es nun, dass in unserem Volke mindestens 2 grundverschiedene
Geschichtsbilder installiert wurden, d.h. eigentlich sind es deren 3, da in den Schulen
der ehemaligen DDR tatsächlich eine von den beiden anderen verschiedene Variante
gelehrt wurde. Will man sich von den Ungereimtheiten der Sekundärliteratur
befreien, so muß man sehen, dass man an Primärquellen herankommt. Als solche
gelten z.B. Erlebnisberichte und Tagebücher von Zeitzeugen, offizielle und weniger
offizielle Dokumente, wie sie in den Archiven und Schreibtischen erbeutet und von
den Alliierten im Nürnberger Tribunal verwendet wurden, offizielle Akten, wie sie
von den Alliierten für die Bibliotheken der Universitäten freigegeben wurden, offizielle
Akten aus anderen Ländern, z.B. des Foreign Office in England oder Amerika, soweit
freigegeben, und wenn man Glück hat, lassen sich noch Weißbücher aus dem 3.
Reich auftreiben.

Verlässt man sich zu Beginn der Nachforschungen noch auf die Redlichkeit,
Wahrheitsliebe und Gutwilligkeit der Sekundärquellenproduzenten, so zwingt einen
doch die mit jedem Buch zunehmende Verwirrung bald dazu, sich – soweit noch
zugänglich – den Primärquellen zuzuwenden. Außerdem verwenden viele
Nachwuchsautoren jeglichen Alters mittlerweile die Sekundärquellen als
Zitiergrundlage, so dass schon ganze Wellen von Tertiär- und Quartärliteratur sowohl
den offiziellen als auch den „Untergrund“-Büchermarkt überschwemmen. Nennen wir
die Primärquellenbenutzer einmal die erste Generation von
Kriegsinterpretationsbüchern und wenden wir uns diesen kritisch zu, da sie häufig
von allen nachfolgenden Schreiberlingen benutzt werden.

Da wären die in den Bibliotheken zugänglichen Akten zur Auswärtigen Politik,
Wehrmachts- und Kriegstagebücher, Bände des Militärtribunals von Nürnberg und
diverse „Dokumentenansammlungen“, diese vorzugsweise herausgegeben von Hans
Adolf Jacobsen. Eine sehr beliebte Quelle sind auch die „Memoiren“ des Herrn
Winston Churchill, eine zwölfbändige, recht detaillierte Sicht des 2. Weltkrieges aus
sozusagen erster Hand. Des Weiteren in den Bibliotheken erhältlich sind die
Seekriegsberichte, Bücher von Dabei gewesenen, Generälen, Diplomaten,
Regierungsmitgliedern u.ä. Da muß man wieder unterscheiden zwischen
unkommentierten Büchern und kommentierten Herausgaben von
Dokumentenansammlungen aus dem Nachlass solcher Zeitzeugen. Ein gutes Beispiel
für ein solches Buch ist „Keitel – Verbrecher oder Offizier?“ von Walter Görlitz, der
von Keitels Sohn persönliche Unterlagen und Briefe bekam und außerdem die in
Gefangenschaft niedergeschriebenen Aufzeichnungen von Keitel zur Verfügung hatte.
Allen gemeinsam ist, dass sie erst nach dem für uns verlorenen Krieg publiziert,
wenn nicht gar erst geschrieben wurden, was heißt, dass ihre Veröffentlichung durch
die Sieger genehmigt werden musste.

Damit kommen wir schon zu ihrem Hauptschwachpunkt:

Sie dürfen nichts enthalten, was das Bild der Sieger als „Befreier“ und
„moralisch Höherstehende“ ankratzen könnte.

Haben sie doch diesen Krieg gegen Hitlerdeutschland zum Wohl der gesamten
Menschheit – und sicher auch zu unserem eigenen Wohl – auf sich genommen. Dass
die Welt durch Ausschaltung von Hitlerdeutschland und die Ermordung seiner
Führung keineswegs friedlicher geworden ist, sei nur so nebenbei bemerkt.
Wir haben auf der einen Seite unverfälschte Dokumente wie z.B. die diversen
Friedensreden des deutschen Reichskanzlers Adolf Hitler (die in der
Nachkriegsliteratur nur mit hämischen Kommentaren versehen veröffentlicht
werden). Auf der anderen Seite haben wir so genannte Dokumente (Protokolle), in
denen derselbe Adolf Hitler vor kleinerem Kreise (ja sogar einmal vor zahlreichen
Vertretern der nicht gerade als verschwiegen verschrienen Presse!) seine
Kriegsplanungen darlegt, die in krassem Gegensatz zu seinen Friedensreden stehen.
Selbst den gutwilligsten Revisionisten ist es meines Wissens bis heute nicht
gelungen, diesen totalen Widerspruch völlig auszuräumen.

Wenn auch z. B. das Hoßbach-Protokoll als zweifelhaft angesehen wird und auch das
Schmundt-Protokoll nicht so richtig geglaubt wird, so geht doch kein Revisionist so
weit, öffentlich zu vermuten, dass, wenn diese 2 „Dokumente“ gefälscht wurden,
auch ein Großteil der anderen von den Siegern vorgelegten „Dokumente“ nur
Fälschungen sein können. Entweder sind des Kanzlers Friedensreden Fälschungen,
aber die sind bestens dokumentiert und auch vom Ausland seinerzeit mit Reaktionen
bedacht worden. Oder diejenigen Dokumente, die Hitlers Kriegswillen aufzeigen, sind
Fälschungen! Denn, selbst wenn man Hitler unterstellen wollte, dass er nur vom
Frieden geredet hat, ihn aber gar nicht ernsthaft wollte, so hätten die friedliebenden
Demokraten ja nur ihn beim Wort nehmen brauchen und mit ihm verhandeln
können. Natürlich gibt es sogar „Dokumente“, die belegen sollen, dass Hitlers
Friedensreden nur „Opium fürs Volk“ waren.

So soll er dies ausgerechnet dem italienischen Botschafter Alfieri gegenüber am
1.7.1940 ausgedrückt haben, dass es wichtig sei, dass in den Augen der Welt und
der deutschen Öffentlichkeit England der Schuldige für den weiteren Verlauf der
Entwicklung sei, dieser Gedanke habe ihn schon bei seinem Friedensappell am 6
10.39 bewegt. So steht es in den von den alliierten freigegebenen Akten der
Auswärtigen Politik. Da wissen wir, die Leser, sogleich auch, was von des Führers
Friedensreden zu halten ist.

Was sich die heutige Geschichtsschreibung leistet, ist, dass sie Hitler als völlig
schizophren darstellt, als Politiker, der mal so, mal so redet. Und auf dieser Ansicht
basierend werden ganze Bücherstapel produziert, wobei sich der Leser dann, am
Ende eines Buches angekommen, verwirrt fragt, was er denn nun eigentlich gelesen
hat…

Ein schönes Beispiel für eine solche geistige Verwirrung bietet das Buch „Kein Friede
mit Deutschland“ von Dr. phil. Ulrich Schlie. Läßt der Titel noch erhoffen, dass darin
endlich die längst fällige Entlastung unseres Volkes bzw. unserer damaligen
Regierung von den Kriegsschuldbehauptungen erfolgt, so wird man beim Lesen herb
enttäuscht. Einen besonders prägnanten Abschnitt zitiere ich folgend:

S. 28 „Wie beurteilte Hitler die Kriegs- und Friedensaussichten im Herbst und Winter
1939/40? Diese Überlegungen führen uns zur zentralen Frage nach Hitlers politischer
Konzeption und seinen langfristigen Zielen. Ob Hitler einem ursprünglichen Plan
folgte (10) oder ob sie sich aus der Eigendynamik seines Herrschaftssystems ergab
(11), ob Hitler ein opportunistisch agierender Machtpolitiker (12) war oder sein
Antrieb zum Handeln dem dogmatisch fixierten Rassen- und Vernichtungswahn
entsprang (13), ob Hitler die Weltherrschaft im Visier hatte (14) oder „nur“ die
Errichtung eines kontinentaleuropäischen Imperiums anstrebte (15), all dies ist
Gegenstand zum Teil noch andauernder Forschungskontroversen.“

Unter den Anmerkungen 10 – 15 werden dann insgesamt 15 Quellen genannt für
diese in einem einzigen Satz zusammengefaßten Überlegungen. Das gilt als
besonders wissenschaftlich, wenn man erst nachliest, was diverse geistige Vorturner
schreiben, und dann darauf fußend vielleicht noch eine davon verschiedene These
aufstellt. Da braucht man sich über die im Volk herrschende Verwirrung bezüglich
der damaligen Ereignisse nicht zu wundern.

Wenn man in Betracht zieht, dass jeder Historiker die ihm zugänglichen
Informationen in seinem Sinne und nach seiner Anschauung interpretiert und
niederschreibt, dann kann es nicht verwundern, dass die Verwirrung um so größer
wird, je mehr man von solchen Interpretationsbüchern liest.

Besondere Stützen der alliierten Geschichtsschreibung sind die Herren Hans-Adolf
Jacobsen, Andreas Hillgruber und Walter Hubatsch! Sie haben die
Wehrmachtskriegstagebücher bearbeitet und dann, beginnend mit dem August 1940,
herausgegeben. Im ersten Band, bearbeitet von Jacobsen, bringt dieser eine
Übersicht über „Kriegsziel und Kriegsplan 1939 -1940. Seine dazu herangezogenen
Quellen sind in erster Linie seine eigenen Veröffentlichungen z.B. zum Fall Gelb
oder zu diversen Dokumentensammlungen. Weiterhin bemüht er die sog. Nürnberger
Dokumente sowie das Halder-Tagebuch. Den Polenfeldzug handelt er auf einer
halben Seite ab, wobei der Führer wie folgt aus den sogenannten „verschiedenen
Weisungen und geheimen Besprechungen“ zitiert wird. Die polnische Wehrmacht war
zu zerschlagen, der „deutsche Lebensraum im Osten“ war zu erweitern, die
lebendige Kraft der Polen zu vernichten, und natürlich „wie der Krieg ausgelöst
werde, war gleichgültig, denn es kam nicht darauf an, das Recht auf seiner Seite zu
haben, sondern ausschließlich den Sieg. Die durch den Einmarsch der Russen in
Polen erhoffte Reaktion der Westmächte blieb zwar aus, aber dies beunruhigte Hitler
nicht mehr, denn „getrieben von der ihm eigenen Unrast, seine „säkulare“ Mission zu
erfüllen und in der eitlen Hoffnung, die „Gunst der Stunde“ ausnutzen zu müssen,
hatte er nämlich plötzlich völlig eigenmächtig den Plan gefasst, die Alliierten in einem
sofortigen Feldzug niederzuwerfen“. Na, dass ein böser Diktator völlig eigenmächtig
einen Plan fasst, anstatt vorher darüber abstimmen zu lassen, ist schon ein dicker
Hund, oder? – In diesem Stil geht das dann die ganze Zeit so weiter, und man
bedenke, dass dieser Mann von der offiziellen Geschichtsschreibung permanent als
Quelle benutzt wird! Seine Bücher stehen im Lesesaal der Universitätsbibliotheken
und verblöden seit Generationen unsere und auch ausländische Studenten! Die
Herren Hubatsch und Hillgruber gehören in die gleiche Kategorie Schreiberlinge und
haben sich sicherlich untereinander abgesprochen. So was bringt in der BRD
Doktoren- und Professorentitel! Wen es interessiert, wie Hubatsch gefälscht hat, der
lese „Nur wegen- Norwegen?“ von Gerrit Ullrich! Dazu komme ich später noch.
Wenigstens von den Herren Revisionisten sollte man annehmen, dass sie eine
eindeutige Zielvorgabe beim Veröffentlichen ihrer Recherchen haben, aber da sie sich
ebenfalls ungeniert aus den eigens für Nürnberg und die Geschichtsschreibung der
Sieger produzierten Quellen bedienen, ergeben sich beim Lesen dieser Bücher
ähnliche Schwierigkeiten; auch dort fehlt jegliche klare Linie! Einzig ein vages
Gefühl, dass wir soo schlimm, wie immer behauptet, vielleicht doch nicht waren,
bleibt zurück. Und es bleibt das Bedürfnis nach weiteren Büchern zurück, weil einem
ja immer noch die Klarheit über die Vorgänge fehlt. Dies ist dann wiederum nur gut
für das Geschäft der einschlägigen Verlage.

Als Beispiel für ein solches revisionistisches Werk sei das Buch „Die Wurzeln des
Unheils“ von Hans-Henning Bieg genannt. Ein typisches Kapitel ist „Ein Pokerer findet
jedoch kein Ende“, wo es um den August 1939 geht, also um die Zuspitzung der
Vorkriegssituation. Bieg kann sich offensichtlich nicht zu einer eigenen klaren Linie
durchringen. Er zitiert aus Büchern von Irving, der sich wiederum bei
Aufzeichnungen von Weizsäckers bedient, sodann bringt er Zitate aus äußerst
dubiosen „Dokumenten“, so z.B. „Diese Gegner sind kleine Würmchen. Ich sah sie in
München.“ Dann schreibt er, Irving interpretierend: Nachdem die Engländer die
provozierende Garantie gegeben hatten, die Polen daraufhin in keinen Ausgleich
einwilligten und Hitler inzwischen auf Stalins Rückendeckung setzte, wollte der
Führer zu diesem Zeitpunkt den Krieg mit Polen trotz des englischen Winkes. (das
bezog sich auf eine Aktion Wilsons)…Dann stellt er selbst die Frage, die man beim
Lesen seines Buches allerdings kaum beantwortet bekommt: Was wollte Hitler
wirklich? Tja, eigentlich sollte man sich über diese Kernfrage im Klaren sein, bevor
man ein Buch zusammenklaubt aus allen möglichen Sekundär- und Tertiärquellen. Er
hat nicht ein einziges Buch als Quelle angegeben, welches aus der damaligen Zeit
stammt und auch keines, was man als Primärquelle bezeichnen könnte. Das Buch ist
ein typisches Beispiel für einen aus zahllosen Töpfen zusammengeschütteten
Geschichtseintopf ohne eigene Note. Eigentlich hat er nur die Meinungen und Zitate
von ca. 80 geistigen Vorturnern in recht primitivem Schreibstil neu gemixt, mit
einem reißerischen Titel versehen und den wahrheitssuchenden Lesern via Grabert-
Verlag zum Kauf geboten.

Das wohl bekannteste Buch aus dem Lager der Revisionisten ist Udo Walendy’s
„Wahrheit für Deutschland“, ein sehr detailliertes Werk über das Vorfeld des 1.
September 39, aus vielen interessanten dokumentarischen Quellen geschöpft und
daher mit seinen vielen Quellennachweisen nicht einfach zu lesen. Dennoch war es
15 Jahre lang verboten! Es liegt mir wirklich fern, diesen hervorragenden
Revisionisten in die Reihe der oben genannten schrägen Schreiber einzureihen. Nur
muß speziell zu diesem Buch doch folgendes angemerkt werden. Er zieht im
Schlußkapitel seines Buches eine Bilanz all seiner angeführten und sauber
recherchierten Fakten wie folgt:

„Erkennbare Realitäten. Wer vorurteilslos die Ursachen und Anlässe des Zweiten
Weltkrieges untersucht, muß erkennen, dass dieser Krieg weder von Hitler noch von
anderen Staatsmännern wirklich „gewollt“, planmäßig vorbereitet oder mit sinnvollen
Zielvorstellungen verbunden worden ist. Gewiß liegen viele Nachweise vor, aus
denen sich ergibt, dass Kriegswille in den Regierungskreisen um F.D. Roosevelt und
im ganzen Jahr 1939 in England und Polen politisch und publizistisch am Werk war.
Doch ein eingehendes Studium führt zu folgendem Schluß: Nicht ein Plan war
maßgebend, sondern ein Zusammenwirken vieler, von einem einzelnen Menschen
oder einer Regierung – auch der US-amerikanischen oder britischen – nicht
abwägbarer, nicht vorausbestimmbarer Entscheidungen von unabhängig handelnden
Menschen und Interessengruppen. Und diese vielen, unabhängig voneinander
handelnden und von unterschiedlichen Zielvorstellungen geleiteten Menschen und
Gruppen haben sich für so illusionäre, unverantwortliche, ungerechte und
vernunftwidrige Ziele engagiert, dass es schwerfällt, in dem Ablauf des
weltgeschichtlichen Geschehens den Plan eines Menschen oder einer Regierung zu
entdecken. Im Gegenteil dürfte feststehen, dass viele Regierungen, die sich gegen
Deutschland haben aufputschen lassen, überhaupt nicht überblickten, was sie taten,
für wen sie es taten und welche nachteiligen Folgen ihr Handeln für sie selber nach
sich ziehen mußte“ Also schon wieder so ein Weltkrieg, den keiner gewollt hat und
der einfach so passiert ist, mit Millionen Toten und einem gründlich zerstörten und
damit dringend mit amerikanischer Hilfe wieder aufzubauenden Europa? Und keine
der Kriegsparteien soll „sinnvolle Zielvorstellungen“ gehabt haben? Keiner hatte eine
Vorstellung, wozu denn so ein Weltkrieg nütze sein sollte? Ob Herr Walendy an seine
eigene Schlußfolgerung geglaubt hat? Das Buch ist ein Beispiel dafür, dass man sich
mächtig verzetteln kann, wenn man keine klare Meinung bezüglich des
Forschungsobjektes hat. Dann erhält man zwar eine chronologische Übersicht über
die Ereignisse, aber man muß beim Start schon das Ziel im Auge haben, wenn man
nicht neben der Bahn landen will. Vielleicht ist Walendys Schlußfolgerung auch
einfach nur echt blauäugig-deutsch, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand
etwas so furchtbares wie einen Weltkrieg inszeniert, um der Weltherrschaft näher zu
kommen.

Ich frage mich, warum man sein Buch verboten hat.

Grundsätzlich muß zur Geschichtsforschung mal angemerkt werden: Es gibt keine
Geschichte ohne eine Überlieferung derselben für die Nachwelt. Ob in Form von
Sagen und Märchen (auch die Bibel gehört wohl in diese Kategorie) oder, wie in der
neueren Zeit üblich, in Form von Büchern: Was nicht von irgend jemandem
formuliert, überliefert oder dauerhaft niedergelegt wurde, hat in unserer
Wahrnehmung praktisch nie stattgefunden. Es ist ganz wichtig, sich das klar zu
machen! Alles, was wir über Geschichte wissen oder zu wissen glauben, beruht nur
darauf, dass irgendeiner es FIXIERT hat. Und dabei ist es eben entscheidend, in
welcher Geisteshaltung der Geschichtsschreiber zum Objekt seiner Betrachtungen
stand oder steht, ob freundschaftlich, neutral oder ablehnend. Geschichtsschreiber
haben eine sehr große Verantwortung gegenüber der Wahrheit und den Menschen,
aber die wenigsten haben wohl die charakterliche Größe und das Vermögen,
persönliche Ansichten ganz beiseite zu lassen, zumal wenn es sich um
Kriegsberichterstattung über einen Weltkrieg handelt, in dem doch jeder
zwangsläufig auf irgendeiner Seite stand.

Ob einer, der dabeigewesen war, ein Berichtsbuch über seine Erlebnisse schreibt
oder ob ein Historiker anhand von solchen Berichten und allgemein verfügbaren
anderen Quellen ein Buch zusammenstellt…es kommt immer auf die Motivation des
Schreibers an. Dies sei am Beispiel Ernst von Weizsäckers kurz erläutert. 1950
brachte sein Sohn Richard das Buch „Erinnerungen“ seines Vaters heraus, was
anmutet wie ein typisches Reinwaschbuch. Von Weizsäcker hatte das Buch in
Gefangenschaft geschrieben, und da er nun wirklich an der Quelle vieler
Geschehnisse war, ist sein Buch eine echte Primärquelle.

Doch berichtet er auch die Wahrheit? Konnte überhaupt ein als Nazi-Verbrecher
verurteilter Gefangener die Wahrheit über seine eigenen Taten und die seiner Richter
und Gefangenenwärter niederschreiben? Wenn wir voraussetzen, dass es sich bei
dem NSDAP-Mitglied und SS-Offizier v. Weizsäcker um einen intelligenten Menschen
gehandelt hat, dann könnte es sich lohnen, sein Buch nach versteckten Hinweisen
abzusuchen, es quasi „zwischen den Zeilen“ zu lesen. Seine Situation damals war
die, dass seine Vorgesetzten Hitler und von Ribbentrop tot waren, das ganze
deutsche Volk sich ohnmächtig in den Klauen der Sieger befand, und auch über ihm
und damit seiner Familie das Damoklesschwert hing. Und in dieser Lage sollte oder
wollte er ein Buch schreiben. In dem Buch hackt er natürlich auf seinen toten
Vorgesetzten herum, aber …konnte er anders? Und was teilt er uns so nebenbei an
tatsächlichem Geschehen mit? Ich zitiere ihn auf Seite 217, wo es im März 1939 um
den Besuch des slowakischen Ministerpräsidenten Tiso und seines Außenministers
Tuka beim Führer geht.

„Über Tuka lag der Schatten einer langen Haft, in der er fast
sein ganzes Augenlicht , aber nicht ganz seinen Humor verloren hatte. Er erzählte
mir, wie er in der Gefangenschaft zwei Bücher gleichzeitig geschrieben habe, ein
ernstes, wissenschaftliches und einen Roman.; so habe er bei der Arbeit am einen
sich immer von der am anderen erholt. Er empfahl mir das Verfahren, und ich war
für den Rat dankbar. Man wußte ja nie, wann man von Hitler eingesperrt werden
würde.“

Könnte dies nicht ein Hinweis darauf sein, wie sein eigenes Buch zu lesen
war, also teils als Roman und teils als wahre Berichterstattung? Könnten nicht die
Seitenhiebe auf die toten Vorgesetzten Hitler und Ribbentrop zur Romanversion
gehören? Wer weiß.

Zur Erforschung der Kriegsschuldfrage sind eigentlich nur wenige Punkte zu klären,
und dazu gehört die Garantieerklärung Englands an Polen am 31. März 1939. Von
Weizsäcker schreibt dazu in seinem Buch „Erinnerungen“, Ausgabe 1950, 16.-
20.Tausend, zur Entwicklung des Polenkonfliktes folgendes:

S. 213 Sicher war nur, dass die deutsch-polnischen Besprechungen seit Januar
ziemlich festgefahren waren, namentlich durch die Gespräche zwischen Ribbentrop
und dem polnischen Außenminister Beck. …Die Zeit der Pseudofreundschaft
zwischen beiden Ländern ging zu Ende. Am 24. Februar 1939 gab es schon
Steinwürfe gegen die deutsche Botschaft in Warschau.

S. 222 Sein Bruder Neville (Anm: Chamberlain) aber band England fest an die
Entschlüsse Polens…Warschau hatte es in der Hand, das britische Empire in den
Krieg zu ziehen….Der britische Minister und spätere Botschafter Duff Cooper drückte
es so aus: nie in der Geschichte habe England einer zweitrangigen Macht die
Entscheidung darüber eingeräumt, ob Großbritannien in einen Krieg einzutreten habe
oder nicht. Jetzt sei diese Entscheidung einer Handvoll Leuten überlassen, deren
Namen – vielleicht mit Ausnahme von dem des Obersten Beck – in England total
unbekannt seien. Und diese Unbekannten könnten morgen die Entfesselung des
europäischen Kriegs befehlen… Der polnische Botschafter Lipski kam Anfang April zu
mir mit der Versicherung, dieses britisch-polnische Versprechen sei vereinbar mit
dem deutsch-polnischen Abkommen von 1934. Ich konnte das nur mit Lächeln
entgegennehmen. Im gleichen Gespräch gab Lipski zu, dass polnische Truppen um
Danzig sich versammelten (Anfang April!!). S. 224 Hitler sagte um jene Zeit (Anm.:
Anfang Mai) im engeren Kreis wiederholt, – so wurde mir berichtet -, die polnische
Frage reife für uns automatisch; wir hätten Zeit und würden geduldig warten.

S 241f Zwischenfälle gab es nun aber reichlich von der polnischen Seite. Ich hielt
mich dabei zu meiner Information nicht an die deutsche Presse, die ich nicht als klare
Quelle ansah. Unser Vertreter in Warschau, Moltke, nach meinem Urteil der beste
Botschafter, den wir damals überhaupt besaßen, war durch die Behandlung der
deutschen Minderheit in Polen immer schon in Atem gehalten und beurteilte die
Zunahme der nationalistischen Ausschreitungen sehr ernst. …Fest steht, dass der
deutsch-polnische Minderheitenstreit keine Erfindung von Hitler war. Wer die
zwanziger Jahre und den Beginn der dreißiger Jahre verfolgt hat, weiß davon. Ich
selbst habe jahrelang keine Tagung des Völkerbundrates erlebt ohne schwere
deutsch-polnische Reibung oder Krise. Ich war Zeuge, wie die polnischen Übergriffe
und Vertragswidrigkeiten in der Weimarer Republik den Versöhnungspolitiker
Stresemann zu seinem berühmten Faustschlag von Lugano trieben und später bei
einer Tagung in Madrid zum Versuch einer Revision des ganzen Minoritätenstatuts.

Im Dritten Reich war es damit nicht besser bestellt. Nur hatte Hitler ab 1934 das
Thema aus der deutschen Presse bis auf weiteres verbannt. Aus der
Verwaltungspraxis der Woiwoden war darum die Unterdrückung der deutschen
Minderheiten keineswegs verschwunden. Unsere diplomatischen und
Konsulatsberichte aus Polen zeigten, wie 1939 die Welle immer höher auflief und das
ursprüngliche Problem:

Danzig und Passage durch den Korridor überdeckte.
S. 255 Die Geschichtsschreibung über die letzte Phase vor dem Kriegsausbruch hat
sich begreiflicherweise bisher fast nur mit dem diplomatischen Ablauf, mit den
Farbbüchern, beschlagnahmten Akten, Memoiren usw. abgegeben. Unterbewertet
hat sie dabei gewisse politische Realitäten, nämlich wie, als Folge von Hitlers
frivolem Spiel, im letzten Augustdrittel eine solche Beunruhigung der deutschen
Minderheit, eine so große Zahl von Grenzübertritten, von Verschleppungen ins Innere
Polens und von sonstigen Zwischenfällen gemeldet war, dass diese Tatsachen
schwerer wogen als der nachhallende Streit der sogenannten Staatsmänner um die
Lösung des ursprünglichen Problems.

Wir sehen also, dass trotz der reichlich vorhandenen Seitenhiebe auf Hitler und vor
allem auf Ribbentrop von ihm wahrheitsgemäß beschrieben wird, wie die Polen sich
gegenüber den ihnen ausgelieferten Deutschen benommen haben. Und seine
Angaben über seinen Widerstand gegen Hitler sind auch recht vage, obwohl er doch
die Gelegenheit hätte nutzen und sich als Oberwiderständler hätte darstellen können.
Angeblich hat er gerade in den Hauptbetätigungszeiten der Widerständler keine
Notizen gemacht. Wäre es nicht denkbar, dass die Tätigkeiten von Widerständlern
erst nach dem Kriege so richtig mit Leben versehen wurden, entweder auf eigene
Faust, um den Siegern weiszumachen, dass viele „gute Deutsche“ schon früh
versucht hätten, Hitler zu stürzen, oder aber gar auf Anweisung der Siegermächte,
um das brutale Vorgehen der Alliierten gegen Deutschland mit Hinweis auf den
innerdeutschen Widerstand zu rechtfertigen?

An der Stelle möchte ich noch mal auf die Aufzeichnungen des General Keitel
zurückkommen. Manchmal ist ja auch interessant, was die Leute nicht schreiben.
Der Keitel erzählt etwas über die privaten Verhältnisse des Reichskriegsministers von
Blomberg.

Da taucht eine Nummer auf, die zu folgender Anmerkung führt:
Anm. des Herausgebers: Der Feldmarschall übergeht ganz die Besprechung Hitlers
mit den Oberbefehlshabern der Wehrmachtteile und dem Reichsaußenminister am
5.11.1937, in der Hitler – nach dem sogenannten Hoßbach-Protokoll – mögliche
kriegerische Verwicklungen behandelte. Blomberg, Teilnehmer an dieser
Besprechung in der Reichskanzler, hat Keitel nach dessen Aussage im Nürnberger
Prozeß nicht unterrichtet. Lt. den Handakten Nelte (das war der Verteidiger Keitels)
hat sich Blomberg auf die Frage Neltes, ob er Keitel von Hitlers Ausführungen am
5.11.37 Kenntnis gegeben habe, ausweichend geäußert: das sei anzunehmen, da
Keitel als sein Chef an seinen Erfahrungen und Überlegungen teilhaben mußte.
Bestimmtes könne er nicht zu dieser Frage sagen. In seinem Gefängnis-Tagebuch
notiert Blomberg am 6.11.1945: „Gestern zweimal verhört: Liebenswürdig. Zum
Protokoll von Hoßbach November 37 – über die politische Europaschau Hitlers und
seine Planungen, oder nennt man es besser Phantasien. Ich hatte den Vorgang ganz
vergessen, weil er auch damals unwirklich anmutete und die Wirklichkeit des Tages
mich ganz ausfüllte“. Gegenüber Rechtsanwalt Nelte meinte er, man habe die ganze
Rederei Hitlers nicht recht ernst genommen. Um aber die Wichtigkeit des Hoßbach-
Protokolls doch noch hervorzuheben, bemüht der Herausgeber in seiner Anmerkung
gleich noch das Jodl-Tagebuch, wo dieser unter dem 5.11.37 notiert haben soll:
Führer entwickelt vor den 3 OB, Auß.Min. seine politischen Absichten. Kein Protokoll
darüber. Absicht L, Gedanken zu Papier zu bringen und Wehrmachtteilen (OB L)
übermitteln sowie in Aufmarschweisung einarbeiten.“13.12.1937 heißt es bei Jodl:
„Führer billigt Vortragsnotiz über mil. Ausführungen seiner am 5.11. entwickelten
Absichten und die Neufassung des Falles Grün…“

Im Keitel-Buch gibt es eine Menge Stellen, wo der Herausgeber quasi zum Mitautor
wird und die von Keitel hinterlassenen „Lücken“ auffüllt aus anderen Quellen. Ebenso
ist es natürlich möglich, dass der Herr Görlitz Passagen, die nicht zur offiziellen
Geschichtsschreibung passen, herausgelassen hat. Auf die gleiche Weise wie das
Hoßbach-Protokoll bringt er auch das Schmundt-Protokoll in das Buch ein und
beschwert sich, ebenfalls in einer Anmerkung (S. 207): Keitel hat an dieser
Besprechung ausweislich des Protokolls teilgenommen, geht aber hier darüber
hinweg. Zumindest kommentiert er aber eine Seite zuvor in einer Anmerkung, dass
diese Besprechung „vermutlich im Nürnberger Prozeß überbewertet“ wurde.
Nun zu einem anderen Abschnitt der Geschichtsforschung, dem Norwegenfeldzug,
dem der Herausgeber der Keitel-Unterlagen gerade eine halbe Seite zugesteht,
wobei er einfach auf das Buch „Weserübung“ von Walter Hubatsch verweist.
Auf der Suche nach Quellenmaterial zu diesem wohl erstaunlichsten Unternehmen
des 2. Weltkrieges, der Besetzung Norwegens, gelang es, Bücher von 3 im
Planungsstab der „Weserübung“ dabeigewesenen zu bekommen, nämlich der Herren
v. Lossberg (1949), v. Tippelskirch und Warlimont (1962).

Bernhard von Lossberg war Generalstabsoffizier im Wehrmachtführungsstab. Sein
Buch heißt „Im Wehrmachtführungsstab“, hat 165 Seiten und wurde nach eigener
Aussage vorwiegend in der Kriegsgefangenschaft geschrieben. Im Nürnberger
Tribunal ist er im Index Namensverzeichnis nur einmal erwähnt, wobei es aber nicht
um Norwegen ging. Sein Bericht ist in der Ich-Form geschrieben, und man wird das
Gefühl beim Lesen nicht los, dass er zwei Bücher in einem Bericht verwoben hat
(ähnlich wie v. Weizsäcker), nämlich eine wahrheitsgemäße Schilderung, immer
wieder verquickt mit Teilen aus der von den Siegern erwünschten Darstellung. Das
ist sehr geschickt gemacht, man muß es nur zu deuten wissen. Angenehm ist bei ihm
noch zu vermerken, dass es keine Anmerkungen und Quellennachweise gibt. Sein
Buch verdient daher die Bezeichnung Primärquelle.

Kurt von Tippelskirch war im Frühjahr 1940 Major im Generalstab und
Transportoffizier (Heimatstab) der Planungsgruppe für die Besetzung Norwegens.
Sein Buch heißt schlicht „Geschichte des 2. Weltkriegs“, hat stolze 725 Seiten und
beginnt wie folgt: „Als der Verlag mich zu Beginn des Jahres 1950 aufforderte, eine
Schilderung des militärischen Geschehens des zweiten Weltkrieges an allen Fronten
zu geben….“ Offensichtlich hielt Herr von Tippelskirch seine Erlebnisse selbst nicht
für so wichtig, und mußte erst „aufgefordert“ werden, sie niederzuschreiben. Ein
erstaunliches Vorgehen des Athenäum-Verlags! Noch erstaunter ist man beim
Durchsehen des umfangreichen Quellenverzeichnisses. Den oben erwähnten Herrn
von Lossberg hat er gelesen, natürlich auch die Bände von Herrn Churchill, Peter de
Mendelsohn’s „Die Nürnberger Dokumente“, eine Haßpostille vom allerübelsten, dann
die echte Primärquelle Paul Schmidt „Statist auf diplomatischer Bühne“, Cianos
Tagebücher sowie noch ca. 50 andere Bücher, einschließlich der Bände über das
Nürnberger Tribunal. Das einzige, was – zumindest in dem Abschnitt über Norwegen
– fehlt, ist die Schilderung des selbst Erlebten. Es ist aus seinem Buch nicht
ersichtlich, dass er selbst irgendwo dabei war, wobei wohl klar ist, dass er nicht an
allen Fronten dabei gewesen sein konnte, aber er hat einfach nur ein Geschichtsbuch
geschrieben. Als solches durchaus lesenswert, jedoch als Primärquelle leider nicht zu
verwenden.

Walter Warlimont war zur uns interessierenden Zeit Oberst des Generalstabes,
engster Mitarbeiter von Jodl und Chef des Amtes für Landesverteidigung. Sein Buch
heißt „Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939 – 1945″, hat 570 Seiten und
einen ebenso imposanten Quellenanhang wie das seines Kollegen. Er hat sogar schon
das Standartwerk über den Norwegenfeldzug, Walter Hubatschs „Weserübung“ als
Quelle verwendet. Er berichtet zwar auch aus eigenem Erleben, aber nennt sich
selbst stets in der dritten Person. Interessant ist seine Darstellung der
Befehlsstrukturen, interessant auch sein Vermerk am Schluß über die Tagebücher
Jodls, aus denen bei Hubatsch und in Nürnberg immer genüßlich ein und dieselben
Stellen zitiert werden. Sein Buch ist ein Gemisch aus Primär- und Sekundärquelle.
Echte Primärquellen sind wohl überwiegend kurz nach dem Kriegsende
herausgekommen und nicht erst 15 Jahre später, denn da ist die Erinnerung doch
schon durch all das getrübt, was man zwischenzeitlich über den Krieg gelesen und
gehört hat. Warlimont schreibt in seinem Vorwort wie folgt: „ Wenn der Verfasser es
trotzdem unternommen hat, diesen Bericht zu schreiben, so folgt er einmal den
Wünschen und Bedürfnissen geschichtlicher Forschung. Zum anderen möchte er eine
persönliche Verpflichtung denen gegenüber einlösen, die einst an seiner Seite
gegangen sind. Hat doch die Nachkriegszeit, begünstigt durch den gewaltsamen Tod
der in erster Linie zur Klärung berufenen, höher gestellten Offiziere, bislang ein allzu
einseitiges Bild vom Wesen und Wirken des deutschen Hauptquartiers und – mit ihm
– des Stabes des Oberkommandos der Wehrmacht entstehen lassen.“ Diese
Offenbarungen sind recht bemerkenswert, lassen sie doch hoffen, dass der Verfasser
zumindest zwischen den Zeilen der Nachwelt verrät, wie es denn nun wirklich war.
Am Ende des Vorwortes dankt er …Herrn Dr. Hans-Adolf Jacobsen, ohne den wohl
damals nicht viel ging. Der Leser des Werkes möge diesen Hinweis als Warnung
verstehen.

Der Sohn von Herrn von Lossberg hat mir in einem Telefonat erzählt, dass Warlimont
sich den Siegern für die Anklage zur Verfügung gestellt hat (sollte man beim Lesen
unbedingt berücksichtigen), und dass die Überlebenden sich verabredet hätten, alle
Schuld an den Geschehnissen auf Hitler zu schieben. Sicherlich konnten sie damals
noch nicht absehen, dass die Geschichtsfälschungen der Sieger solche Ausmaße
annehmen würden.

Diese Aufzählung soll verdeutlichen, vor welchen Schwierigkeiten ein
Geschichtsforscher steht, wenn er nach der Wahrheit sucht. Nachdem oft die erste
Reaktion beim Durchlesen einer Primärquelle die war, den Autor als „Umfaller“ oder
„Nestbeschmutzer“ zu bezeichnen, kamen wir später darauf, dass diese Zeitzeugen
wohl gar nichts anderes von der Tendenz her hätten schreiben dürfen. Ähnlich wie im
oben erwähnten Fall von Weizsäcker. Also begannen wir, nach versteckten Hinweisen
zu suchen und wurden, z.B. beim Dolmetscher Paul Schmidt, aber auch bei Bernhard
von Lossberg fündig. Es ist halt immer eine Frage, mit welcher Vorstellung man an
die Lektüre eines Buches herangeht.

Jedenfalls sind die echten Primärquellen für die Geschichtsforschung bis jetzt noch
sehr dünn gesät. Dies mag sich ändern, wenn weitere Archive der Forschung
zugänglich gemacht werden, jedoch besteht keine Garantie, dass dort nicht binnen
der letzten Jahrzehnte kräftig herummanipuliert wurde. Archive mit für uns
negativem Inhalt hätte man gewiss schon damals, zum Nürnberger Tribunal,
freigegeben, und so muß man sich die Frage stellen, was die Sieger wohl vor uns
geheim halten.

Wer die Wahrheit herausfinden will, darf sich jedenfalls nicht mit den Darstellungen
der voneinander abschreibenden Historikerkaste begnügen. Er muß die wirklich
gesicherten Fakten, ohne vorgegebene Interpretationen von Geschichtenschreibern,
so zusammensetzen, dass ein stimmiges und logisch nachvollziehbares Bild entsteht.
Dieses Bild kann man dann anhand von echten Erlebnisberichten überprüfen, wobei
das „zwischen den Zeilen lesen“ aber erst gelingen kann, wenn man schon weiß,
wonach man sucht. Dann wird Geschichtsforschung erst zu einem wirklich
befriedigenden Ergebnis führen!

Mit der Geschichtsschreibung ist es wie in der Kriminalistik:
Man hat eine Leiche (Deutschland), man kennt die Täter (Alliierten), man ahnt die
Motive. Jedoch…man muß die Tat im Einzelnen nachweisen, sonst ist eine
Verurteilung nicht möglich. Gelingt es den Tätern gar, Berichte und Zeugenaussagen
dahingehend zu manipulieren, dass das Opfer der Täter zu sein scheint, so hat der
Kommissar es schwer! Und was soll man von Angehörigen des Opfers halten, die
ebenfalls zu den Tätern zu halten scheinen? Sind die Zeugenaussagen und
Unterlagen als Fälschungen entlarvt, so bleibt dem Kommissar nur, Indizien zu
sammeln, um doch noch den Tathergang in Erfahrung zu bringen. Der
Wahrheitsforscher als Kriminalinspektor, nur so geht es!

B. Hoffmann, Ostermond/April 2002, überarbeitet 2004

willkommen

Download PDF: https://algorana.files.wordpress.com/2009/02/grundlagenaufsatz-gedankenverbrecher.pdf

Download .doc: http://www.wk-institut.de/GRUNDLAGENAUFSATZ.doc

via AmSeL-DVG-Workshop

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