Vor 75 Jahren — dokumentierte Zeitgeschichte Teil 2

UNTERREDUNG ZWISCHEN DEM FÜHRER UND PROFESSOR TUKA UND STAATSSEKRETÄR KARMASIN, IN ANWESENHEIT DES REICHSMINISTERS DES AUSWÄRTIGEN AM SONNTAG, DEN 12. FEBRUAR 1939, 17 UHR BIS 18 UHR I 5 IN DER NEUEN REICHSKANZLEI IN BERLIN1069823_676744129053152_1745296484_n

Nach kurzer Begrüßung dankt Tuka dem Führer für die Gewährung dieser Unterredung. Er redet den Führer mit ,mein Führer‘ an und bringt zum Ausdruck, dass er, obwohl er an sich ein bescheidener Mensch sei, doch wohl für sich in Anspruch nehmen dürfte, im Namen des slowakischen Volkes zu sprechen. Die tschechischen Gerichte und Gefängnisse legitimierten ihn zu dieser Behauptung.
Er sagt, dass der Führer nicht nur die slowakische Frage aufgeworfen habe, sondern auch der erste gewesen sei, der dem slowakischen Volke seine Würde zuerkannt habe. Die Slowaken wollten unter der Führung des Führers mit zur Erhaltung der europäischen Zivilisation kämpfen. Es sei klar, dass ein weiteres Zusammenleben mit den Tschechen für die Slowaken seelisch sowohl wie wirtschaftlich unmöglich geworden sei. Dass sie heute noch zum tschechischen Staate gehörten, ermögliche nur der Gedanke, dass die heutige Regierung ein Übergangsstadium sei, aber er und seine Mitkämpfer seien entschlossen, dem Drucke des slowakischen Volkes nachzugeben, um eine unabhängige Slowakei zu schaffen. Das Schicksal der Slowakei läge in den Händen des Führers. So wie er im Zuchthaus für seine Überzeugungen gelitten habe, sei er auch bereit, für seine Ideale sein Leben zu opfern. Sollte es zu einem Aufstand kommen, so würde die Tschechei im ersten Augenblick versuchen, diesen blutig niederzuschlagen, aber nur ein Wort des Führers genügte, und diese Versuche würden stillstehen. Ebenso sei es mit den Aspirationen von Ungarn und Polen, denen durch ein Wort des Führers Einhalt geboten werden könne. „Ich lege das Schicksal meines Volkes in Ihre Hände, mein Führer, mein Volk erwartet seine volle Befreiung von Ihnen.“ Die Slowaken gingen heute noch mit schwachen Schritten, aber ihre Schritte würden immer entschlossener.

Der Führer sagte zu Tuka, er würde es vielleicht nicht recht verstehen, wenn er [Hitler] ihm sagte, dass er noch vor kurzer Zeit keine Ahnung von den Selbständigkeitstendenzen der Slowaken gehabt habe. Er habe da zu sehr den ungarischen Behauptungen Glauben geschenkt. Immerhin sei er tief mit den eigenen, den deutschen Problemen beschäftigt gewesen, so dass es ihm nicht möglich gewesen sei, so genau die tschechoslowakischen Einzelfragen zu studieren. Noch bis vor einem halben Jahr sei er der Meinung gewesen, die Slowakei habe den Wunsch, nach Ungarn zurückzukehren. Von allen Seiten sei ihm dies versichert worden.
Erst bei seinem Gespräch mit Imredy im September sei ihm zum Bewusstsein gekommen, dass die Slowakei gar nicht zu Ungarn wollte. Jedenfalls habe er seit damals diese Frage anders zu sehen gelernt. Man habe damals ganz in Volkstumsbegriffen gedacht, und er hätte niemals daran gedacht, auch nur einen Menschen zu opfern für Ziele, die das slowakische Volk gar nicht wünsche. Er stände dem tschechischen Volke genau so objektiv gegenüber wie irgendeinem anderen, und zwar solange als das deutsche Volk nicht in seiner Existenz und seinen Lebensrechten bedroht wäre. Aber der Zustand sei nun so, dass die Tschechei im tiefsten ihres Herzens immer noch den Wunsch hätte, sich an jeder antideutschen Aktion zu beteiligen.
Sie sähe den ganzen Inhalt ihrer Existenz darin, in einem etwa ausbrechenden europäischen Konflikt gegen Deutschland anzutreten und sich jeder Gruppe, die gegen Deutschland Politik macht, anzuschließen. Er bezeichnete diese Tendenz kurz als die Benesch-Mentalität. Das Problem der Tschechoslowakei sei zuerst auf rein ethnographischen Grundsätzen in Angriff genommen worden, und nun beabsichtigten die Ungarn, nicht ethnographische Prinzipien anzuwenden. Das ginge nicht, und er habe die Ungarn gewarnt. An sich wäre unsere nationale Rechnung mit der Tschechei in Ordnung. Solange die Tschechei loyal sei, habe sie nichts zu befürchten, aber es schiene doch, dass die Tschechische Regierung die augenblickliche Lösung als eine Verlegenheitslösung betrachte, und er beobachte mit Unbehagen, dass die alten Hoffnungen auf die früheren Grenzen, und die alten Tendenzen wieder auflebten und sich durchzusetzen begännen. Er sehe dies in Zeitungen, in Reden, in Auslassungen verantwortlicher Persönlichkeiten und aus allerhand anderen Quellen. Chvalkovsky selbst, glaube er, habe den besten Willen, aber die Ereignisse machen nicht vor dem guten Willen einzelner Menschen halt. Er habe Chvalkovsky auch nicht im Zweifel gelassen, dass in dem Augenblick, wo er merke, dass diese Entwicklung sich unaufhaltsam weiter durchsetze, er schnell und rücksichtslos durchgreifen werde. Niemand würde ihn dann zurückhalten, und niemand würde der Tschechei helfen, davon sei er fest überzeugt.

Etwas sei hierbei natürlich zu bedenken. Wenn es zu einer großen Lösung dieser Probleme käme, so bliebe Deutschland nicht allein, denn dann würden Polen und Ungarn bestimmt sich einschalten. Das ethnographische Prinzip würde dann überrannt, und es läge in der Natur der Sache, dass dann auch die Slowakei bedroht sei. Es könne eine schlimme Wendung nehmen, wenn die anderen sich dann an eine Aktion anhingen, und das wäre wohl zu erwarten. Unter heutigen Umständen würde man keinen Unterschied zwischen Tschechei und Slowakei machen, da dies heute noch ein Begriff wäre. Es gebe ein deutsches Sprichwort „mitgefangen, mitgehangen“, und in solchen Gewaltentwicklungen werde das Recht des einzelnen der Entwicklung keinen Halt gebieten.

Hätten die Slowaken sich damals in der Krise für unabhängig erklärt, so wäre die Lage sehr einfach für uns gewesen. Die Slowakei sei für Deutschland keine Gefahr. Sie habe uns auch kein Leid getan, und wir hätten deshalb kein Interesse an ihrem Verschwinden. So hätten wir damals ihre Grenzen sofort garantiert.

Der Führer führt weiter aus, wie wahnsinnig die Gedankengänge einiger führender Tschechen seien, die in anderen europäischen Spannungen immer wieder einen Hoffnungsschimmer für die Erfüllung ihrer sinnlosen Revancheträume sehen. Dies sei ein unheilbarer Größenwahn. Selbst der Führer des Großdeutschen Reiches würde nie von solchen Dingen träumen. Er dächte z. B. niemals, sich Elsaß-Lothringen zurückzuholen. Das slowakische Volk will ein freies und ein glückliches Volk sein, das sein Schicksal bestimmt, das sähe er heute. Wenn das damals schon klar gewesen wäre, so hätte er damals schon die Konsequenzen daraus ziehen können. Wenn heute ein Konflikt entstände, in den Polen und Ungarn eingriffen, so müsse er diese laufen lassen, und es wäre unrealistisch gedacht von der Slowakei, dann auf deutsche Hilfe zu hoffen. Der Kampf um Preßburg sei immerhin sehr schwierig gewesen, und manche Ungarn hätten ihm das nicht vergessen. Nur durch den Abstimmungsvorschlag, auf den einzugehen die Ungarn doch Bedenken gehabt hätten, sei Preßburg der Slowakei erhalten geblieben. Eine selbständige Slowakei könne er jederzeit garantieren, auch heute noch. Heute könne er die Tschechoslowakei nicht garantieren, denn er könne ja doch nicht etwas garantieren, wodurch er den Tschechen einen Freibrief gebe, sich gegen Deutschland neu zu mobilisieren. Er habe geglaubt, mit der Tschechei auf eine gute Basis zu kommen. Aber von anderen sei ihm auch vorausgesagt worden, dass es infolge der nun einmal bestehenden tschechischen Mentalität nicht gut gehen würde, und diese Voraussage schiene ihm wohl einzutreten. Wie sei es möglich für ihn, einen Staat zu garantieren, sozusagen mit eigenem Blut etwas zu decken, was gegen uns selbst gerichtet sei? Die Engländer und Franzosen sähen auf die Tschechen mit großem Abstand herab. Noch einmal drückt der Führer aus, wie leid es ihm täte, dass er sich damals von den Ungarn habe falsch informieren lassen. Wenn er damals gewusst hätte, wie es um die Slowakei wirklich stände, so hätte er sich die Slowakenführer kommen lassen und ihnen für die Integrität ihres Landes gebürgt, — und dies gelte auch heute noch.

Der Führer spricht noch weiter über den Größenwahn der tschechischen Politiker, die in der Tschechei einen Vorposten Asiens respektive des Slawentums gegen Europa sehen, anstatt das sein zu wollen, was sie sein sollte, nämlich der Vorposten Europas gegen den Bolschewismus. Er spricht ferner über die deutschen Wirtschaftsbeziehungen zum Südosten und macht die Behauptungen der westlichen Politiker, dass Deutschland sich den Südosten wirtschaftlich abhängig machen werde, lächerlich. Es sei dies lächerlich, da er, der Eier, Fette, Weizen und andere Lebensmittel für sein Volk herholen müsse, viel abhängiger von diesen Staaten sei als diese von ihm, da sie von uns ja nur Maschinen usw. bezögen. Diese Staaten müssten die Plätze suchen, wo sie ihre Rohstoffe los würden und wir müssten die Plätze suchen, wo wir unsere Fertigwaren anbringen könnten. Wir seien eben aufeinander angewiesen, jede andere Behauptung sei irrsinnig. Die Tschechen wollten das aber nicht einsehen. Sie wollten lieber Arbeitslose haben als vernünftige Wirtschaftspolitik treiben.

Der Führer fasst noch einmal zusammen, indem er sagt:

1) er bedauere, dass er nicht früher von den Unabhängigkeitsbestrebungen der Slowaken gewusst habe,

2) er bedauere ferner, dass die Situation damals nicht so klar war, da sonst für alle die Lösung viel einfacher gewesen wäre,

3) wenn die Tschechei sich mit ihrem natürlichen Los nicht abfinden würde, so sähe er schwarz, auch für die Slowakei.

Tuka sagt, er wisse, dass die Zukunft der Tschechei schwarz sei, und die Slowaken wollten deshalb von ihr los. Der Führer bejaht dies und spricht nochmals seine Befürchtung aus, dass die Benesch-Anhänger immer noch neu gestärkt und in ihren Gedanken aus dem Ausland genährt würden.

Der Führer erzählt dann noch einmal von der Entwicklung im Herbst, wie alles gekommen ist. Dann bemerkt er nochmals, dass die Tschechen schon wieder anfingen, Öl ins Feuer zu gießen, und es könnte sehr gut sein, dass ihnen eines Tages die Sache aus der Hand glitte. Nachdem er noch einiges über die Stärke Deutschlands und der deutschen Armee gesagt hat, beschloss er die Unterhaltung mit der Bemerkung, dass er glaube, dass es für ihn eine Beruhigung sei, wenn er wüsste, dass die Slowakei selbständig wäre.

Nach der Verabschiedung erklärte mir Tuka, dass diese Unterhaltung mit dem Führer ihn so tief beeindruckt habe, dass er ohne zu zögern diesen Tag als den größten seines Lebens bezeichnen möchte. Er habe die unerhörte geschichtliche Entwicklung Deutschlands in den letzten sechs Jahren niemals begreifen können. Nun, nachdem er dem Führer zugehört habe, könne er dies begreifen.
gez. HEWEL
Akten zur deutschen auswärtigen Politik : 1918 – 1945, Serie D (1937 1945), Band IV, 183 ff.
Dieses Gespräch ist auch Gegenstand der Anklage beim Rachetribunal der Sieger in Nürnberg. Was haben die Konstrukteure eines neuen, zum ewigen Frieden den Weg weisenden Völkerechts nun daraus gemacht. Hören wir dazu Sidney S. Alderman, den beigeordneten Ankläger der Vereinigten Staaten, der in der Nachmittagssitzung des 4. Dezember 1945 Folgendes verlauten lässt:

»Nach kurzer Begrüßung dankt Tuka dem Führer für die Gewährung dieser Unterredung. Er redet den Führer mit ›Mein Führer‹ an und bringt zum Ausdruck, dass er, obwohl er an sich ein bescheidener Mensch ist, doch wohl für sich in Anspruch nehmen dürfte, im Namen des slowakischen Volkes zu sprechen. Die tschechischen Gerichte und »Gefängnisse legitimierten ihn zu dieser Behauptung. Er sagt, dass der Führer nicht nur die slowakische Frage aufgeworfen habe, sondern auch der erste gewesen sei, der dem slowakischen Volke seine Würde zuerkannt habe. Die Slowaken sollten unter der Führung des Führers zur Erhaltung der europäischen Zivilisation mitkämpfen. Es sei klar, dass ein weiteres Zusammenleben mit den Tschechen für die Slowaken seelisch wie wirtschaftlich unmöglich geworden sei.«

Ich gehe zu dem letzten Satz über:
»Ich lege das Schicksal meines Volkes in Ihre Hände« gemeint in die des Führers.
Bei dieser Besprechung gelang es den Nazi-Verschwörern anscheinend, der slowakischen Delegation die Idee des Aufstandes einzupflanzen. Ich beziehe mich auf den letzten Satz dieses Dokuments, das ich gerade verlesen habe, des Satzes, der von Tuka gesprochen wurde: »Ich lege das Schicksal meines Volkes in Ihre Hände«.

Aus diesen Dokumenten ist ersichtlich, dass die Nazis seit Mitte Februar 1939 eine gut disziplinierte Gruppe von Slowaken zu ihren Diensten hatten, von denen viele aus den Reihen der Partei Pater Hlinkas stammten. Geschmeichelt durch die persönliche Aufmerksamkeit solcher Männer wie Hitler und Ribbentrop und unterstützt von deutschen Vertretern, erwiesen sich die Slowaken als willige Werkzeuge in den Händen der Nazi-Verschwörer.
Der Nürnberger Prozess: Zwölfter Tag. Dienstag, 4. Dezember 1945, NP Band 3, S. 172f.

Wer hätte das gedacht? Ein Zusammentreffen von gemeingefährlichen Verschwörern gegen den Weltfrieden war das …

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