Vor 75 Jahren — dokumentierte Zeitgeschichte Teil 4

Präsident Hacha kommt nach Berlin

Anfangs des Jahres 1939 kam es in der Tschechoslowakei erneut zu Unruhen, die Hitler aufmerksam verfolgte … Anfangs März traten ernste Differenzen zwischen der Prager Zentralregierung und der autonomen slowakischen Landesregierung in Preßburg auf, zu deren Chef der Priester Dr. Tiso gewählt war.


Die Verschärfung der inneren Lage in der Tschechoslowakei zu einer Staatskrise wurde durch Gewaltmaßnahmen der Prager Regierung herbeigeführt. Die Prager Regierung besetzte Preßburg mit Polizei- und militärischen Kräften, setzte rechtswidrig den vom Landtag gewählten slowakischen Ministerpräsidenten Tiso ab und an seine Stelle einen ihr ergebenen Slowaken Sidor ein. Der aus seinem Amt entfernte Ministerpräsident Tiso reiste nach Berlin, um den Führer und Kanzler des Deutschen Reichs um seinen Schutz zu bitten. Hitler empfing ihn und den bisherigen Verkehrsminister der Slowakei, Dr. Duransky, am 12. März im Beisein des Reichsaußenministers von Ribbentrop und in meiner Gegenwart. In dieser Aussprache trug Tiso dem Führer die Bitte vor, die Slowakei, die sich völlig von dem tschechoslowakischen Staate loslösen und ihre Selbständigkeit erklären werde, unter den Schutz des Reiches zu nehmen. — Hitler antwortete ausweichend; er überließe es den Slowaken selbst, erst die Entscheidung über ihre staatliche Selbständigkeit zu treffen. — Am 13. März 1939 beschloss der Landtag des autonomen slowakischen Landesteils einstimmig die Loslösung aus dem bisherigen tschechoslowakischen Bundesstaat und die Absendung eines Telegramms an den deutschen Führer und Reichskanzler, in dem er die Reichsregierung bat, den Schutz über den nun völkerrechtlich selbständig gewordenen Staat Slowakei zu übernehmen. Hitler erklärte sich hierzu bereit, und einige Tage später wurde auch ein formeller Schutzvertrag zwischen dem Reich und der Slowakei abgeschlossen. — Die Loslösung der Slowakei, die sich von Anfang an der tschechischen Herrschaft nur widerwillig gefügt hatte und seit langem nach Selbständigkeit strebte, entsprach zweifellos dem Willen der großen Mehrheit des slowakischen Volkes; aber es steht auch fest, dass die slowakischen Politiker zu ihrer Auflehnung durch den Vertrauensmann Hitlers, den nach Preßburg entsandten Staatssekretär zur besonderen Verwendung Keppler, ermutigt und durch die Zusage der deutschen Hilfe maßgeblich zu ihrem Schritt bewogen wurden.


Die Loslösung der autonomen Slowakei aus dem tschechoslowakischen Staate. ähnliche Selbständigkeitsbestrebungen in der Karpatho-Ukraine, Auflehnung der Deutschen in Böhmen und Mähren und Differenzen im Kabinett hatten die Prager Regierung in eine unhaltbare Lage versetzt. Außenpolitische Hilfe hatte sie nach den in München gemachten, sie schwer enttäuschenden Erfahrungen nicht zu erwarten. In dieser verworrenen Lage, die aus eigenen Kräften nicht mehr zu ordnen war, fasste der Staatspräsident Dr. Hacha am Abend des 13. März nach einer Besprechung mit seinem Kabinett den Entschluss, den Führer und Reichskanzler durch den deutschen Geschäftsträger in Prag um eine persönliche Aussprache über die politische Gesamtlage zu bitten. Er erhielt am 14. vormittags die Antwort, dass Hitler bereit sei, seinem Wunsche zu entsprechen und ihn in den Abendstunden desselben Tages in Berlin zu empfangen. Schon als ich den tschechoslowakischen Staatspräsidenten, der von seinem Außenminister Dr. Chvalkovsky begleitet war und bei seiner Ankunft in Berlin mit den einem fremden Staatsoberhaupt zustehenden Ehren aufgenommen wurde, vom Bahnhof in sein Quartier im Hotel Adlon begleitete, erzählte er mir in aufgeregter Gesprächigkeit, dass er angesichts der unhaltbar gewordenen Situation in seiner Heimat zu dem Entschluss gekommen sei, den Führer und Reichskanzler um Hilfe und Schutz anzugehen, und dass er hoffe, bei ihm Bereitwilligkeit zu einer gemeinsamen politischen Arbeit zu finden.


Die Besprechung mit Hitler begann in der Nacht zum 15. März gegen 1 Uhr; sie verlief — im Gegensatz zu späteren Tendenzmeldungen über heftige Zusammenstöße und brutale Bedrohungen — in Ruhe und in korrekten Formen. Dr. Hacha begrüßte Hitler mit der Versicherung seiner persönlichen Verehrung und der Bewunderung seiner politischen Leistungen. Er habe um diesen Empfang nachgesucht, um sein Land dem Schutze des Reiches zu unterstellen und das Schicksal seines Volkes in die Hände des deutschen Führers zu legen. Mit der Ablösung der Slowakei aus dem Gesamtstaat habe sich die Regierung abgefunden, da das Zusammenleben der beiden Volksgruppen schlecht war und die Tschechen den Deutschen näher verwandt wären als die den Magyaren nahestehenden Slowaken. Die geographische Lage und die wirtschaftlichen Beziehungen der verbleibenden Tschechei erforderten ein enges Verhältnis zu Deutschland, das herzustellen sein vordringliches Ziel sei. Er sei überzeugt, dass der größte Teil des tschechischen Volkes ebenso denke wie er, wenn es auch noch eine Weile dauern werde, bis die Reste der alten Beneschpolitik überwunden seien.


Hitler antwortete: Zu der persönlichen und politischen Einstellung des Staatspräsidenten und seinem guten Willen habe er volles Vertrauen; aber nach den Erfahrungen der Vergangenheit, in der die Tschechoslowakei immer mit Deutschlands Feinden zusammengegangen wäre und sich von diesen als Mittel für die Niederhaltung Deutschlands habe brauchen lassen, müsse er seine starken Zweifel dahin aussprechen, ob Dr. Hacha und seine Anhänger das von ihnen gewollte neue Regime durchzusetzen und den alten Beneschgeist auszurotten vermöchten. Unter anderem hielt er der Prager Regierung vor, dass sie es unterlassen hätte, die starke Armee, die von den alten nationalistischen Anschauungen erfüllt sei, auf ein bescheidenes Maß zu reduzieren; da das Land keine außenpolitische Mission zu erfüllen habe, sei eine solche Armee sinnlos und ihrem Geiste nach gefährlich. Er wies weiter auf die ständigen Klagen der Deutschen in Böhmen und Mähren über die auch jetzt noch fortgesetzten Drangsalierungen und die tschechischen Terrormaßnahmen gegen die deutschen Minderheiten hin. Er nahm von dem Angebot Dr. Hachas, sich dem Schutz des Reiches zu unterstellen und eine politische Zusammenarbeit mit Deutschland einzuleiten, gerne Kenntnis, halte es aber zum Schutze der Deutschen gegen weitere Unterdrückung und des Deutschen Reiches gegen eine Bedrohung seiner Flanke für notwendig, die noch verbliebene Resttschechei militärisch durch deutsche Truppen zu besetzen. Er habe sich daher entschlossen, den Befehl zum Einmarsch deutscher Truppen in das tschechische Gebiet zu gehen und dieses in der Form eines Schutzstaates dem Reiche anzuschließen. Hierbei sollte ihm aber die vollste Autonomie und die Wahrung seines Volkstums gewährleistet werden. Der Einmarsch der deutschen Truppen werde in den Morgenstunden erfolgen; etwaiger Widerstand würde gebrochen werden; er empfahl dem Staatspräsidenten, den tschechischen Truppen Befehl zu geben, von jedem Widerstand abzusehen, und der Verwaltung die Anweisung zu erteilen, sich der Neuordnung zu fügen. Das würde ihm, Hitler, die Möglichkeit geben, der Tschechei eine weitgehende Autonomie mit nationalen Freiheiten und einem selbständigen Eigenleben einzuräumen. —
Dr. Hacha erwiderte, durch die unerwartete Eröffnung Hitlers schwer betroffen, dass er und Chvalkovsky bei ihrer Reise hierher gehofft hätten, eine gütliche Regelung des beiderseitigen Verhältnisses zu finden, welche die Souveränität seines Landes wahren und trotzdem ein enges Verhältnis der beiden Nachbarstaaten gewährleisten werde, und sähe sich nun zu seinem Bedauern vor eine vollendete Tatsache gestellt. Er sähe ein, dass ein bewaffneter Widerstand der tschechischen Truppen gegen den Einmarsch eines weit überlegenen deutschen Heeres sinnlos wäre. Er bäte aber Hitler dringend, den angeordneten Vormarsch aufzuhalten, damit er mit Prag Fühlung nehmen und die notwendigen Weisungen geben könne; auch schlüge er vor, von einer sofortigen Entwaffnung der tschechischen Armee durch die deutschen Truppen abzusehen und statt dessen sich mit einer schrittweisen Reduzierung derselben und allmählicher Waffenabgabe einverstanden zu erklären. — Hitler lehnte beides ab, da die deutschen Truppen bereits im Marsch seien und es nicht möglich wäre, eine rollende Militärmaschine in ihrem Laufe aufzuhalten. Die Einzelheiten über die aus dem deutschen Einmarsch sich ergebenden Verhältnisse, insbesondere die Entwaffnung, möchten die Prager Herren mit Göring, Keitel und von Ribbentrop besprechen. Dr. Hacha und Dr. Chvalkovsky erwiderten, sie möchten vor ihrer endgültigen Entscheidung mit den Mitgliedern des Kabinetts in Prag fernmündlich Fühlung aufnehmen.


Es folgte dann eine Reihe von Einzelbesprechungen. Zunächst konferierten die tschechischen Regierungsvertreter mit Keitel und Göring. Keitel machte ihnen hierbei nähere Angaben über die Stärke und Überlegenheit der im Vormarsch befindlichen deutschen Truppen und Göring drohte für den Fall des Widerstandes der tschechischen Armee mit einer Luftbombardierung Prags. Anschließend verhandelten Hacha und Chvalkovsky mit Ribbentrop über den Inhalt und den Text der abzuschließenden Vereinbarung. Die Verhandlungen mussten einmal auf eine halbe Stunde wegen eines Schwächeanfalls des herzkranken Dr. Hacha unterbrochen werden, den er aber nach einer ihm durch Hitlers Leibarzt Dr. Morell verabfolgten Injektion rasch überwand. Zwischendurch sprachen Dr. Hacha und Dr. Chvalkovsky wiederholt telefonisch mit Prag und den dortigen Regierungsmitgliedern. Dann wurde die Besprechung mit Hitler wieder aufgenommen. Hierbei berichtete Hacha, dass er den militärischen Befehlshabern seines Landes die Weisung gegeben habe, gegen die einmarschierten deutschen Formationen keinen Widerstand zu leisten; er hoffe, dass bis zu den Morgenstunden die entsprechenden Befehle überallhin durchgedrungen seien und jedes Blutvergießen verhütet werden könne. Auch mit der Prager Regierung hätten er und Chvalkovsky gesprochen und sie seien im Vertrauen auf die vom Führer ihnen gegebene Zusicherung einer vollen Autonomie und eines tschechischen staatlichen Eigenlebens bereit, den Entwurf des vorgeschlagenen Abkommens zu unterzeichnen.


Hitler wiederholte seine frühere Erklärung, dass er an keinerlei Entnationalisierung und Germanisierung des tschechischen Volkes denke und bereit sei, ihm eine großzügige Autonomie mit eigenem Staatsoberhaupt, eigener Regierung, Verwaltung und unabhängiger Rechtsprechung einzuräumen. Er glaube, dass trotz aller Bitternis, die durch den deutschen Einmarsch und die Übergangsperiode entstehen werde, sich bald die Erkenntnis durchsetzen werde, dass Tschechen und Deutsche politisch und wirtschaftlich durch ein Zusammenleben im Großdeutschen Reiche nur gewinnen könnten. Politisch, militärisch und wirtschaftlich dürfe allerdings keine Gegensätzlichkeit und kein Dualismus zwischen Berlin und Prag bestehen, sonst aber solle die Tschechei ein weitgehendes staatliches Eigenleben führen; Deutschland wolle die tschechische Wirtschaft nicht verkümmern lassen, sondern beleben und weiterentwickeln. Jedenfalls würden die Tschechen in der neuen Verbindung mit dem Reiche mehr Rechte genießen, als sie früher den Deutschen in ihrem Staatsverbande eingeräumt hätten.


Daraufhin unterzeichneten Dr. Hacha und Dr. Chvalkovsky gemeinsam mit dem Führer und Reichskanzler und dem Reichsaußenminister von Ribbentrop am 15. März 1939, kurz vor 4 Uhr früh, ein Abkommen, das folgenden Wortlaut hatte:

„Der Führer hat heute in Gegenwart des Reichsministers des Auswärtigen von Ribbentrop den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Dr. Hacha und den tschechoslowakischen Außenminister Dr. Chvalkovsky auf deren Wunsch in Berlin empfangen. Bei der Zusammenkunft ist die durch die Vorgänge der letzten Wochen auf dem bisherigen tschechoslowakischen Staatsgebiet entstandene ernste Lage in voller Offenheit einer Prüfung unterzogen worden. Auf beiden Seiten ist übereinstimmend die Überzeugung zum Ausdruck gebracht worden, dass das Ziel aller Bemühungen die Sicherung von Ruhe, Ordnung und Frieden in diesem Teile Mitteleuropas sein müsse. Der tschechoslowakische Staatspräsident hat erklärt, dass er, um diesem Ziele zu dienen und um eine endgültige Befriedung zu erreichen, das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches legt. Der Führer hat diese Erklärung angenommen und seinem Entschluss Ausdruck gegeben, dass er das tschechische Volk unter den Schutz des Deutschen Reiches nehmen und ihm eine seiner Eigenart gemäße autonome Entwicklung seines völkischen Lebens gewährleisten wird.

Berlin, den 15. März 1939
Adolf Hitler Dr. Hacha von Ribbentrop Dr. Chvalkovsky.“

Nach der Unterzeichnung gab Präsident Dr. Hacha Hitler gegenüber in bewegten Worten der Hoffnung Ausdruck, dass seine Heimat in der nunmehr geschaffenen Verbindung mit dem Großdeutschen Reich einer neuen, glücklichen Zukunft entgegengehen werde. — Als ich Dr. Hacha nach dieser Konferenz um 4:30 Uhr in sein Appartement im Hotel Adlon zurückbegleitete, sagte er zu mir, es sei dies der schwerste Tag und der härteste Entschluss seines Lebens gewesen; aber er sei überzeugt, bei der gegebenen Sachlage richtig und zum Besten seines Landes gehandelt zu haben. Man werde vielleicht jetzt seine Haltung und Entschließung in seiner Heimat noch nicht recht verstehen und ihn wegen der Unterzeichnung des heutigen Abkommens anfeinden, er sei aber sicher, dass die große Mehrheit des tschechischen Volkes in wenigen Jahren seine heutige Entscheidung begreifen und billigen werde.

Quelle: Meissner 1950 – Staatssekretär unter Ebert, Hindenburg, Hitler, S. 474 — 480

Otto Meissner war bei persönlich dabei und berichtet als Zeitzeuge, wie es wirklich gewesen ist.

Übrigens war es Sir Nevile Henderson, der englische Botschafter in Berlin, der über seinen Kollegen Newton in Prag den Tschechen den Rat gegeben hatte, in Berlin um Hilfe nachzusuchen. Henderson wurde wegen seiner Sympathien für das NS-Regime von seinen Landsleuten als „unser Nazi-Botschafter in Berlin bezeichnet“.

 

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via Geschichtsrevision.

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