Vor 75 Jahren — Was wirklich geschah Teil 1

Bericht des schwedischen Friedensaktivisten Birger Dahlerus:

„Ohne dass Göring in den Nachtstunden es klar und deutlich gesagt hatte, bekam ich doch den Eindruck, dass er Ribbentrops Verhalten zu entschuldigen versuchte. Ich teilte dies Henderson mit und betonte, wie wichtig es sei, dass wirkliche Verhandlungen zwischen der polnischen und deutschen Regierung unmittelbar zustande kämen, wenn überhaupt etwas Positives erreicht werden sollte. Ich hob hervor, dass nach meinem Eindruck Göring alles, was er könne, tue, um Verhandlungen zustande zu bringen und eine Katastrophe zu verhindern.
1-9-39

Das Ergebnis unseres Gesprächs war, dass Henderson beschloss, den polnischen Botschafter Lipski anzurufen und ihn zu ersuchen, mich sofort zu empfangen. Ich lehnte zuerst ab, betonend, dass ich Lipski niemals begegnet wäre, weswegen eine Zusammenkunft mit ihm schwerlich von Nutzen sein könne. Henderson ließ sich von meiner Einstellung nicht beeinflussen und telefonierte mit Lipski, dem er mitteilte, dass Forbes gleich mit einem Schweden käme, den er sofort empfangen solle. Hierauf teilte Henderson Forbes seinen Entschluss telefonisch mit und wir fuhren um 11 Uhr vormittags in Forbes‘ kleinem zweisitzigen Wagen zur polnischen Botschaft.


Bereits bei der Ankunft spürte man sehr deutlich den Ernst der Lage. In der Halle standen Kisten aufgereiht und überall war das Personal damit beschäftigt, die Abreise vorzubereiten. Lipski empfing uns in seinem Arbeitszimmer, aus dem bereits ein Teil der Ausstattung entfernt war. Forbes stellte mich vor und wir nahmen rund um einen Tisch Platz. Lipski war im Gesicht weiß wie Leinen und wirkte außerordentlich nervös und niedergeschlagen. Forbes erzählte, wer ich sei und die Ereignisse der Nacht. Er bat mich hierauf, die deutsche Note an Polen vorzulesen, was ich tat. Aber Lipski erklärte bald, dass er den Inhalt nicht verstehen könne. Forbes notierte hierauf eigenhändig die Hauptpunkte und übergab die Aufzeichnungen Lipski, der das Papier mit zitternden Händen nahm und eine Weile betrachtete, dann aber erklärte, dass er nicht deuten könne, was dort stehe. Ich erbot mich hierauf, die Note sofort seiner Sekretärin zu diktieren. Sie wurde hereingerufen und bekam ihre Anweisungen; ich ging mit ihr in ein angrenzendes Zimmer und sie schrieb mein Diktat direkt in die Maschine. Mit der Niederschrift kehrte ich zurück und übergab sie Lipski, worauf Forbes und ich nach dem Wechsel einiger höflicher Redensarten Abschied nahmen.

Auf dem Rückweg erzählte mir Forbes etwas, das mich erschreckte: Während ich der Sekretärin diktierte, hatte Lipski Forbes mitgeteilt, dass er in keiner Weise Anlass habe, sich für Noten oder Angebote von deutscher Seite zu interessieren. Er kenne die Lage in Deutschland nach seiner fünfeinhalbjährigen Tätigkeit als Botschafter gut und habe intime Verbindung mit Göring und anderen aus den maßgebenden Kreisen; er erklärte, davon überzeugt zu sein, dass im Fall eines Krieges Unruhen in diesem Land ausbrechen und die polnischen Truppen erfolgreich gegen Berlin marschieren würden. Das Ganze wirkte trostlos und Forbes und ich waren auch sehr niedergeschlagen, als wir zur englischen Botschaft zurückkehrten und Henderson über unseren Besuch berichteten. Ich ersuchte, sofort anrufen zu dürfen, um London mündlich zu berichten. Dies wurde genehmigt und ich bekam binnen kurzem Verbindung mit Sir Horace Wilson und teilte ihm mit, was geschehen war.“

Birger Dahlerus 1948 — Der letzte Versuch, S. 109ff.

 

via Geschichtsrevision.

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